Durch die Gebietsreform von 1972 wuchsen die alten Dörfer Etterschlag, Walchstadt. Steinebach und Auing zur heutigen Gemeinde Wörthsee zusammen. Bei allen Gemeinsamkeiten, die die vier Gemeindeteile heute verbindet, hat jeder Ortsteil seinen eigenen, historisch gewachsenen Dorfkern bis heute weitgehend bewahrt.

Verkehrslärm und Verkehrssicherheit waren für die Etterschlager schon immer ein Thema. Seit dem Mittelalter ist das Dorf durch die Lage an der Salzstraße geprägt, einer Hauptverkehrsader von München an den Bodensee, die mitten durch den Ort verlief. Im Jahr 1681 legten die geplagten Dorfbewohner kurzerhand auf Höhe der heutigen Kreisstraße eine neue Straße an und sperrten die Ortsdurchfahrt für fremde Fuhrzeuge. Dagegen legte der Graf von Toerring Protest ein. Ihm gehörte die Taferne im Ort (heute Alter Wirt), wo nun die Gäste fern blieben. So mussten die Einwohner diese erste Umgehungsstraße wieder zurückbauen. Für fast 300 Jahre sollte der Verkehr weiter durch den Ort fließen. Die Ortsmitte des um 805/809 erstmals schriftlich erwähnten Ortes, an dessen Friedhofsmauer schon immer gerne Fuhrwerke hängen blieben, ist seit Jahrhunderten kaum verändert.

Die Dorfstraße in Walchstadt (Aufnahme aus den 1950er- oder 60er-Jahren). An der Stelle des Gasthofs zur Post stehen heute Reihenhäuser.

Die Dorfstraße in Walchstadt (Aufnahme aus den 1950er- oder 60er-Jahren). An der Stelle des Gasthofs zur Post stehen heute Reihenhäuser.

Im beschaulichen Walchstadt besaßen Münchener Bürger bereits im 16. Jahrhundert ein Schlösschen (heute Schlossbauer) für die Sommerfrische. Schon vor 140 Jahren kamen die ersten Touristen nach Walchstadt. Die Anreise war mühsam: Mit dem Zug ging es bis Grafrath, von dort mit dem Schiff auf der Amper flussabwärts nach Stegen und dann auf dem Ammersee weiter nach Buch. Ab hier wanderte man mit leichtem Gepäck nach Walchstadt. Kleine Holzhäuschen am Waldrand boten eine einfache Unterkunft. Das noch immer idyllische Ortsbild von Walchstadt wird durch schön instand gesetzte Bauernanwesen und Häuser entlang der alten Hauptstraße und der Wörthseestraße bestimmt.

Luftaufnahme von Walchstadt aus dem Jahr 1950

Luftaufnahme von Walchstadt aus dem Jahr 1950

Ganz nach altbayerischer Tradition beherrschen die barocke Martinskirche und der gegenüberliegende Gasthof Kirchenwirt, der bereits im Jahr 1600 eine Konzession zum Ausschank von Spirituosen und zum Kartenspiel besaß, die Ortsmitte von Steinebach. Im Hochmittelalter benannte sich eine adelige Familie nach dem Ort, die ihren Wohnsitz auf dem Burgselberg oberhalb der Kirche hatte. Mit dem Bau der Bahnstrecke von Pasing nach Herrsching setzte ab 1903 ein erster Bauboom ein. Entlang der Hauptstraße, auf der die Tagestouristen aus München vom Bahnhof zu den Badeanstalten am Wörthsee flanierten, entstand die noch heute erhaltene Wohn- und Geschäftsbebauung.

Diese alte Postkarte (um 1910) zeigt das Wirtshaus Raabe mit der gegenüberliegenden Martinskirche. Unten rechts das Strandbad Raabe. Wirtshaus, Kirche und Strandbad sind heute noch erhalten.

Diese alte Postkarte (um 1910) zeigt das Wirtshaus Raabe (=Kirchenwirt) mit der gegenüberliegenden Martinskirche. Unten rechts das Strandbad Raabe. Wirtshaus, Kirche und Strandbad sind heute noch erhalten.

Archäologisch gesehen ist Auing der älteste Ort unserer Gemeinde. Germanische Reihengräber lassen den Schluss zu, dass der Weiler seit dem 6. Jahrhundert kontinuierlich besiedelt ist. Weit gereist war vor 400 Jahren der Bauer des Geyerhofs, der einmal im Jahr die Weinvorräte für das Schloss Seefeld in Südtirol abholte. Ortsprägend sind derzeit noch die stattlichen alten Höfe entlang der Straße, die schon im 14. Jahrhundert erwähnt sind, sowie der 1871 von der Familie Dietrich begründete traditionsreiche Gasthof.

Angesichts des ständig wachsenden Drucks von Bauträgern und Spekulanten wird es Aufgabe des neuen Gemeinderats sein, ein nachhaltiges Konzept für die künftige Ortsentwicklung zu erarbeiten. Eine große Herausforderung wird sicherlich darin bestehen, das bäuerlich geprägte Dorfbild zu bewahren und gleichzeitig eine behutsame moderne Nachverdichtung zu ermöglichen. Zu einem zukunftsorientierten Konzept gehört jedoch auch, den Bezug von Ortsbild und Landschaft zu erhalten,die Nahversorgung mit Lebensmitteln zu sichern und für bezahlbaren Wohnraum zu sorgen. Noch haben wir in Wörthsee die Möglichkeit, aus den städtebaulichen Fehlern anderer Gemeinden im Großraum München zu lernen. Wir sollten diese Chance nutzen. Wäre es nicht wirklich schade, wenn unser Ort sich demnächst nicht mehr vom Siedlungsbrei des Münchener Umlandes unterscheiden ließe?

Dr. Monika Ofer, Historikerin

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